Masterarbeit - Einleitung

1. Einleitung

Immer mehr Menschen leiden heutzutage unter chronischen Kopf-, Gesichts-, Nacken- oder Rückenschmerzen (nach Kares et al. 2001). Auch Tinnitus, Bruxismus und Bewegungsstörungen im Kiefergelenk erfahren in unserer leistungsorientierten Gesellschaft eine zunehmende Verbreitung (nach Köneke 2005).

Häufig begeben sich Patienten mit solchen Schmerzen oder Einschränkungen von Arzt zu Arzt bzw. von Therapeut zu Therapeut, da sie mit der Beschreibung ihrer Beschwerden keine zielgerichtete systematische Diagnostik und somit keine entsprechend wirksame Therapie auslösen können. Sie durchlaufen dadurch nicht selten einen langen Leidensweg (nach Plato 2001).

Der Grund hierfür liegt u.a. in den komplexen, multikausalen Zusammenhängen und der Vielfalt der Symptome des Krankheitsbildes der Craniomandibulären Dysfunktion (CMD). Das Fehlen eines klaren Leitsymptoms und verschiedene ätiologische Faktoren von individuell unterschiedlicher Bedeutung machen die Symptomatik der CMD insgesamt sehr facettenreich und schwer fassbar, welches ihre diagnostische Erkennung bzw. Einordnung häufig erschwert (nach Ahlers et al. 2007).

Zur Behandlung der CMD gibt es viele unterschiedliche Therapiemöglichkeiten, wie z.B. pharmakologische Therapie, okklusale Korrektur, Kieferorthopädie, Akupunktur, chirurgischer Eingriff, Psychotherapie und Logopädie sowie verschiedene manualtherapeutische und physikalische Therapien (nach Hippel 2006, Kehr 2005). Eine Untersuchung hierzu hat ergeben, dass ca. 80% aller Patienten mit Symptomen einer CMD am effektivsten mit konservativen Therapien behandelt werden (nach Dimitroulis et al.1995).

Insgesamt ist die Weiterentwicklung eines interdisziplinären Diagnostik- und Therapieansatzes, insbesondere wegen der beschriebenen Problematik, eine große Herausforderung für Zahnärzte, Orthopäden, Osteopathen und Physiotherapeuten, um schon frühzeitig vor allem Patienten mit chronischen Schmerzen und Einschränkungen Behandlungsmöglichkeiten zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit sowie einer guten Lebensqualität bieten zu können
(nach Türp 2002,Dapprich 2007).

Als Osteopathin und zertifizierte CRAFTA® Therapeutin beschäftigt sich die Autorin schon seit mehreren Jahren mit der CMD und behandelt täglich Patienten mit den oben aufgeführten Symptomen in ihrer Praxis. Ausgelöst durch die Frage eines Arztes: „Was soll ich auf das Rezept schreiben: Manuelle Therapie oder Osteopathie - was wirkt denn eigentlich besser?“ kam die Idee zu dieser Arbeit, da auch die einschlägige Fachliteratur keine Antwort geben konnte.

Abbildung 1 zeigt die gängigsten Behandlungsmöglichkeiten bei Patienten mit CMD (nach Hippel 2006, Kehr 2005) und stellt zudem auch gleichzeitig die konzeptionelle Einordnung dieser Arbeit dar. In Bezug auf manualtherapeutische und physikalische Therapien konnten 6 relevante Arbeiten und Studien recherchiert werden, die im Folgenden kurz beschrieben werden. Sie sind durchnummeriert und in der Abbildung mit der entsprechenden Zahlen der jeweiligen Behandlungsmethodik zugeordnet. Der rote Punkt mit dem Fragezeichen markiert dabei die Fragestellung dieser Arbeit.

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Abbildung 1: Konzeptionelle Einordnung der Masterarbeit

1. In einer Pilotstudie von Butenschön und Mitha (2002) konnte der Einfluss osteopathischer Behandlung im sog. „four hand Kontakt“ auf die CMD nach-gewiesen werden. Der Okklusalindex (nach Slavicek) zeigte eine signifikante Verbesserung. Die Auswertung des Mandibula-Positions-Indikators (MPI) ergab jedoch kein signifikantes Ergebnis.
2. In einer Pilotstudie der CRAFTA® konnte anhand eines Fragebogens gezeigt werden, dass durch (überwiegend manualtherapeutisch durchgeführte) neuromuskuloskeletale Behandlungen von zertifizierten CRAFTA® Therapeuten die craniomandibulären und craniofazialen Dysfunktionen deutlich verbessert werden konnten (nach von Piekartz 2007).

3. Demling et al. (2008) verglich in einer randomisierten klinischen Pilotstudie die Therapie der CMD durch eine Michiganschiene mit der Therapie durch eine Michiganschiene und gleichzeitiger Physiotherapie (nach den Richtlinien der Manuellen Therapie). In beiden Gruppen wurden signifikante Reduktionen der Gesamt-, Ruhe- und Belastungsschmerzen sowie auch signifikante Verbesserung der Schneidekantendistanz (SKD) festgestellt. Der Vergleich zwischen den beiden Gruppen ergab ausschließlich für die aktive SKD einen signifikanten Unterschied (signifikante Verbesserung bei gleichzeitiger Physiotherapie).

4. Nicolakis et al. (2001) untersuchte die Effektivität von physiotherapeutischen Übungstherapien, welche Massage, Stretching, isometrische Spannungs-übungen, geführte Mundöffnungs- und Schließbewegungen, manuelle Kiefertraktion, Haltungsschulung sowie Entspannungstechniken beinhalteten. Es wurden signifikante Verbesserungen von Schmerz, Behinderung und Mundöffnung festgestellt.

5. Eine mehrjährige Studie an der Universität Köln unter der Leitung von Prof. Kerschbaum (2001) belegt die Wirkung von Physiotherapie. An über 100 Patienten mit Myoarthropathien konnte eine durchschnittliche Schmerz-reduktion von 30 % auf der VAS-Skala erzielt werden.

6. Ein Vergleich zwischen Manueller Therapie und Übungsbehandlung bei craniomandibulären Dysfunktionen wurde von Knust (2006) in einer Pilotstudie durchgeführt. Beide Behandlungsmethoden zeigten eine signifikante Verbesserung der subjektiven Schmerzempfindung, Mundöffnung und der Muskeldruckdolenzpunkte, wobei sich das Schmerzempfinden bei der Manuellen Therapie deutlich verbesserte.
Als Schlussfolgerung ergab sich bei dieser Studie von Knust, dass beide Behandlungsmethoden effektiv im Bereich der CMD wirken und parallel zueinander eingesetzt werden sollten, um ein Optimum an Synergieeffekten zu erreichen.

Betrachtet man die Ergebnisse dieser Literaturrecherche, fällt zunächst auf, dass sich nur sehr wenige Arbeiten und Studien mit der Wirksamkeit von manual-therapeutischen und physikalischen Therapien bei CMD auseinandersetzen. Für die Physiotherapie und die Manuelle Therapie liegen durch zwei bzw. drei Studien einige Erkenntnisse vor, die auch auf signifikante Verbesserungen hindeuten, jedoch hatten alle diese Studien nur Pilotcharakter und setzten teilweise nur ein Messverfahren ein. Zur Untersuchung der Wirksamkeit von Osteopathie bei CMD gibt es bislang lediglich eine Pilotstudie, in welcher zudem ein außergewöhnlicher Behandlungsansatz durch zwei Therapeuten gewählt wurde (four hand Kontakt). Auch in Bezug auf einen Vergleich von verschiedenen manualtherapeutischer und physikalischer Therapie-formen bei CMD gibt es bislang nur eine Pilotstudie (Vergleich Physiotherapie mit Manueller Therapie).

Insgesamt besteht derzeit also ein Bedarf an Aussagen bzgl. der Wirksamkeit von manualtherapeutischen und physikalischen Therapien bei CMD, insbesondere für die Osteopathie und im Vergleich der Therapien untereinander.

1.1 Ziel der Arbeit

Diese Arbeit soll die bestehende Erkenntnislücke schließen, die es in Bezug auf unterschiedliche Wirksamkeiten von manualtherapeutischen und physikalischen Therapien bei Patienten mit craniomandibulären Dysfunktionen gibt. Hierzu wird die Osteopathie mit der Manuellen Therapie (nach dem CRAFTA® Konzept) bei der Behandlung von Patienten mit CMD in einer klinischen Pilotstudie verglichen.

1.2 Hypothese

Osteopathie zeigt bessere Ergebnisse bei der Behandlung von Patienten mit craniomandibulären Dysfunktionen als die Manuelle Therapie (nach dem CRAFTA® Konzept).

1.3 Aufbau der Arbeit
Im Kapitel 2 wird zunächst der für das Verständnis notwendige theoretische Hinter-grund erläutert. Dazu werden in Kapitel 2.1 die anatomischen Grundlagen rund um das stomatognathe System mit dem Schwerpunkt Kiefergelenk dargestellt. Im An-schluss werden dann kurz in Kapitel 2.2 die Manuelle Therapie nach dem CRAFTA® Konzept und in Kapitel 2.3 die Osteopathie beschrieben. Zum Schluss wird in Kapitel 2.4 die craniomandibuläre Dysfunktion erklärt, funktionelle Zusammenhänge aufgezeigt und ein Überblick über mögliche Therapieformen mit Fokus auf eine Gegenüberstellung von Osteopathie und Manuelle Therapie gegeben.

Im Kapitel 3 wird die gewählte Vorgehensweise und der Aufbau dieser klinischen Pilotstudie erklärt. In Kapitel 3.1 wird zunächst beschrieben wie die Patienten rekrutiert, nach welchen Ein- und Ausschlusskriterien geprüft und wie sie dann randomisiert der Studiengruppe oder Vergleichsgruppe zugeteilt wurden. Der eigentliche Untersuchungs- und Behandlungsablauf ist in Kapitel 3.2 dargestellt. Die hierbei verwendeten Messparameter und -verfahren werden in Kapitel 3.3 erläutert. Das Kapitel 3.4 liefert abschließend Erklärungen zur statistischen Auswertung.

Im Kapitel 4 werden die Ergebnisse der Studie für die einzelnen Messparameter dargestellt, die dann in Kapitel 5 diskutiert werden.